Liebe Packstation – Eine Liebesgeschichte

Liebe Packstation,

wir kennen uns jetzt schon einige Jahre. Mitte des letzten Jahrzehnts muss es gewesen sein, als du mir freudig meine persönliche Packstation-Goldkarte überreichtest. Und beinah hab ich mich ein wenig geschmeichelt gefühlt. Auch wenn mir natürlich bewusst war, dass die jeder bekommt.

Oft gesehen haben wir uns nicht in den letzten Jahren, aber immer wenn ich wieder deinen Touchscreen berühren durfte, war es fast wie beim ersten Mal. Ein schönes Gefühl. Fortschrittlich kam ich mir in diesen Momenten vor; schlau und ausgebufft, weil ich so einen praktischen Service nutze. Immer wieder geworben habe ich für dich, wie praktisch du doch seist, welche Wege du mir schon erspart hättest. Und wenn nötig, habe ich dich sogar verteidigt.

Letztes Jahr kündigte ich sogar mein Cafissimo-Abo bei Tchibo, weil Tchibo sich aus Qualitätssicherungsgründen nicht im Stande sah an eine Packstation zu versenden, obwohl die doch über DHL versenden.

Den Service, Ihre Bestellung an eine Packstation zu liefern, bieten wir vorübergehend nicht an, da die Serviceleistungen der Packstation derzeit nicht unseren Erwartungen entsprechen.

Idioten schimpfte ich sie damals.

Zuletzt ließ ich mir die meisten Sendungen ins Büro liefern, weil da tagsüber halt immer jemand sitzt, und ich ja eh immer mal dort vorbeikomme. Aber vergessen habe ich dich nie. Immer wenn ich eine Retoure aufzugeben hatte, oder mir eine Paketmarke ausgedruckt hatte, war ich froh, dass ich meine Pakete auch mitten in der Nacht bei dir abliefern konnte.

Und als mein Vater mich letzte Woche fragte, ob er das Paket denn wieder an meine Packstation schicken soll, da bejahte ich natürlich. Wohlwissend, dass du mir eine SMS schickt, sobald du das Paket für mich aufbewahrst und ich jederzeit spontan vorbeikommen kann, um es in Empfang zu nehmen. Meine Postnummer hab ich ja eh seit Jahren im Kopf (1657379 – siehste, ohne nachzukucken!). Denn die Goldkarte hab ich vor Ewigkeiten schon aus dem Portmonee verbannt. Die machte sich da eh nur breit, lag dumm rum, die meiste Zeit ungenutzt und wartete Monate auf ihre sporadischen Einsätze. Da tipp ich doch lieber die Nummer in dein Tastenfeld und freu mich über ein schlankeres Portmonee. Für jeden Kwatsch hat man ja heutzutage so ne Karte in der Tasche, da war ich so froh wenigstens die Goldkarte zu Hause ablegen zu können.

Nun, gestern machte ich mich also auf den Weg, zum Bahnhof Süd, wo du in der Eingangshalle stehst. Nach 23 Uhr war es bereits, aber du hast ja rund um die Uhr geöffnet, deswegen mag ich dich ja so.

Und dann – dann konnte ich kaum glauben was ich da sah, was du mir mitteiltest, auf deinem großen Touchscreen. So ungewohnt sah sie aus, die Meldung. – Auch wenn wir uns nicht oft sahen, unsere gemeinsamen Schritte waren mir bestens vertraut. Visuelles Gedächtnis nennt man das wohl. Routiniert gar, wo ich Routine doch sonst so verabscheue. – Ein zweites Mal musste ich hinkucken, und schließlich las ich, was du mir zu sagen hattest:

 Der Login ohne Goldkarte steht Kunden leider nicht mehr zur Verfügung.
Bitte wählen Sie „ABBRECHEN“ um sich mit Ihrer Kundenkarte einzuloggen oder „WEITER“ wenn Sie ein DHL Mitarbeiter sind.

So entsetzt war ich, dass ich mich nicht mal richtig über das Deppenleerzeichen aufregen konnte. Und dann stand ich da, wusste nicht was ich davon zu halten habe. Wut machte sich breit. Wut über deine Dreistigkeit nach so vielen Jahren eine unserer zentralsten Abmachungen zu brechen. Vor allem aber war ich wütend, dass du nix gesagt hast, sondern einfach so Tatsachen geschaffen hast – und ich jetzt da stand, wie ein begossener Pudel, vor diesen geschaffenen Tatsachen. Eine Email hättest du mir doch schreiben können. Geärgert hätte ich mich dann natürlich auch; darüber, dass ich jetzt wieder die doofe Goldkarte mit mir rumtragen muss, nur falls ich dich mal spontan besuchen möchte. Aber ich wäre wenigstens vorbereitet gewesen. Und ich hätte gewusst, dass du mit mir geredet hast, dass du mich informiert hast. Irgendwelche schlauen Gründe hättest du vorgetragen, feingeschliffen von deinen Cousins und Cousinen aus der PR-Abteilung. Als lächerliche Vorwände hätte ich diese Gründe wahrscheinlich abgewiesen, aber ich hätte mich nicht so allein gelassen gefühlt. Nach 23 Uhr, im Bahnhof Süd.

Das musst du doch verstehen!?

Ja, Recht hast du, was reg ich mich denn über solche Kleinigkeiten auf. Aber diese Kleinigkeiten, bei denen ich mich übergangen fühle, sind es doch, die mich traurig machen, die mir ein schlechtes Gefühl geben. Ich weiß, deine großen, gelben Eltern aus Bonn, die haben ständig mit solchen wie mir zu tun, ich bin nicht der einzige. Nein, diese Illusion hab ich mir nie gemacht. Doch gerade dann erwarte ich eine routinierte Professionalität. Die müssen dir doch den Rücken freihalten, damit unserem guten Zusammenspiel auch in den nächsten Jahren nichts im Wege steht.

Ja, schimpf mich nur naiv. Aber ich, ich stehe zu meinen Ansprüchen. Ich glaube noch daran, dass wir uns auf Augenhöhe begegnen können; dass ich für deine Eltern nicht nur eine Nummer bin. Nicht nur eine Nummer, die gegenrechnet wird gegen andere Zahlen; die mit Analysen verrechnet und Optimierungen unterworfen wird. Naiv, ja, wahrscheinlich hast du Recht, ich bin zu naiv. Schade, dass es soweit kommen musste. Ich hab’s versucht.

Natürlich werde ich dich weiterhin benutzen, denn – was bleibt mir schon, Alternativen gibt es keine. Aber ja, benutzen – so wird es sich in Zukunft anfühlen. Denn so wie früher, so wird es nicht mehr sein.

Liebe Packstation, fick dich!

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